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Bundesstadt Bonn

Zeitfenster

Fotos, Grafiken, Urkunden, Akten, Briefe oder historische Bücher: Im Depot von Stadtarchiv und Stadthistorischer Bibliothek lagert so manche Rarität. Die Reihe „Zeitfenster“ gewährt jeden Monat einen Blick in die Vergangenheit Bonns.

September 2020: Der Geburtstag von Gerhard Sachsse jährt sich zum 100. Mal

Am 3. September 2020 jährt sich der Geburtstag des Fotografen Gerhard Sachsse zum 100. Mal. Geboren in Lengerich, aufgewachsen in Kattenvenne und Herborn, zog seine Familie nach dem frühen Tod des Vaters 1931 nach Bonn, zunächst in das Haus seines Großvaters an der Königstraße 2b – von diesem Haus machte er im Alter von zwölf Jahren seine ersten Fotografien, die er auch in späteren Jahren stolz in ein Erinnerungsalbum klebte. Ab 1934 lebte die Familie in der Weberstraße 27, wo auch sein Sohn Rolf, Autor dieser Zeilen, seine ersten beiden Lebensjahre verbrachte.

Nach einer recht turbulenten Schulzeit, in der er bereits unermüdlich als Amateurfotograf unterwegs war und seine Bilder auch an die Stadt Bonn zu verkaufen suchte, wurde Gerhard Sachsse 1940 zur Wehrmacht eingezogen, in der er unter anderem als Filmvorführer diente. Prägend dürfte für ihn ein Einsatz des Sommers 1943 gewesen sein: Er konnte als Assistent den berühmten Fotografen Albert Renger-Patzsch bei der Dokumentation niederrheinischer und westfälischer Bauernhöfe begleiten. 1945 kehrte er mit einer schweren Verwundung der linken Hand aus dem Krieg zurück, was ein angestrebtes Studium als Architekt ebenso verhinderte wie die Fortsetzung seines geliebten Cello-Spiels.

Von 1945 bis 1946 absolvierte er bei den Bonner Fotografierenden Hans Frei und Käthe Augenstein seine Lehre, danach arbeitete er als Geselle bei Paulus Belling, bis er Ende 1949 seine Meisterprüfung im Fotografenhandwerk ablegte – als Schüler musste ich in der Rubrik des väterlichen Berufs immer ins Klassenbuch eintragen: Lichtbildmeister.

Nach zwei Jahren als Leiter der fotografischen Dienste an der US-amerikanischen Mission in Bonn-Plittersdorf konnte Gerhard Sachsse sich 1951 mit einem eigenen Handwerksbetrieb selbständig machen, in der zweiten Etage der Sternstraße 78 über der Gastwirtschaft „Zum Gequetschten“ (heute wieder „Elefant“). Neben dem täglich anfallenden Geschäft aus Porträts sowie Pass-, Hochzeits- und Kinderbildern begann er unverzüglich mit der Arbeit, die ihm am meisten zusagte: Er dokumentierte den Wiederaufbau der Bundesrepublik, insbesondere den Wohnungs- und Sozialbau.

Ab 1953 konnte er für das Bauministerium und seine nachgeordneten Verwaltungen sämtliche staatlich geförderten Wohnbauten in der Bundesrepublik fotografieren; in gleicher Weise nahm er alle Neubauten in Bonn und Bad Godesberg auf. Aus diesen frühen Aufnahmen hat er für den Haushaltsplan der Stadt Bonn für das Jahr 1953 ein Deckblatt entworfen, das in einer Collage alle Wohnbau-Typen der Stadt vorführt, von der Eigenheim-Siedlung bis zum Wohnhochhaus.

Deckblatt des Haushaltsplans der Stadt Bonn für das Jahr 1953; Fotograf: Gerhard Sachsse

Möglicherweise hat er sich beim Schrifttitel von einem Grafiker helfen lassen; die genauen Umstände der Entstehung dieses Blatts sind nicht mehr rekonstruierbar.

Selbstverständlich hat Gerhard Sachsse den Bau und die Ausstattung der Beethovenhalle mit seinen Fotografien begleitet, von Anfang an über die Konzerte im Rohbau bis zur Fertigstellung und der Illustration mehrerer Festschriften zum Bau aus den Jahren 1959 bis 1962. Immer wieder stieg er auf das Dach der nahegelegenen Stadtwerke und nahm den Bau von oben auf; immer wieder wurden größere Teile der Familie an einem schönen Sonntagmorgen auf der Gartenanlage vor dem Gebäude verteilt und mittels Trillerpfeife wie größeren Armbewegungen an bildnerisch wichtige Positionen verteilt. 

Die Beethovenhalle in Bonn im Jahr 1960; Fotograf: Gerhard Sachsse

Auf dem hier gezeigten Bild spielt meine Schwester mit dem Kindermädchen, das auf einem Steinblock ziemlich genau in der Bildmitte sitzt, während ich in kurzen Hosen an dem anderen Steinblock knapp vor dem gläsernen Foyer stehe; die anderen Personen gehörten zu unserem weiteren Bekanntenkreis oder waren Mitarbeiterinnen des Fotostudios mit ihren Kindern. Eine Variante dieses Bildes war bis in die 1990er Jahre in vielen deutschen Eisenbahnzügen als schmaler Bildstreifen zwischen Kopfstützen und Gepäckregal zu sehen.

Die so genannte Bauwirtschafts-Krise der Bundesrepublik in den Jahren 1966 und 1967 brachte einige wirtschaftliche Schwierigkeiten für das Atelier „Foto Sachsse“, das daraufhin weitgehend auf Gesellschaftsfotografie, Kunstreproduktionen und das stets vorhandene Porträtgeschäft umgestellt und zudem in der Zahl der Mitarbeitenden reduziert wurde. Gerhard Sachsse engagierte sich bereits seit den späten 1950er Jahren berufspolitisch, von Funktionen in der Innung bis hin zur Mitbegründung einer europäischen Fotografierenden-Vereinigung „Europhot“ und von speziellen Arbeitskreisen für Porträtfotografie, ebenfalls auf europäischer Ebene.

Zum 1. Januar 1983 verkaufte er das Unternehmen an Stefan Schickler (1957-2020), 1994 zog er mit seiner Frau Erika (1929-2020), die ebenfalls eine Lehre als Fotografin absolviert hatte, nach Sankt Augustin. Dort ist er am 6. Mai 1998 verstorben. Das Unternehmen „Foto Sachsse“ existiert weiterhin und wird von Andreas Sartor in der Bonner Friedrichstraße betrieben. Sowohl sein persönlicher Nachlass als auch der seines Handwerksbetriebs wird heute im Stadtarchiv Bonn aufbewahrt.

Von Gastautor Rolf Sachsse

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