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Bundesstadt Bonn

Not macht erfinderisch: Spanische Erzieherinnen für Bonner Kitas

Elf spanische pädagogische Fachkräfte arbeiten seit kurzem in städtischen Kindertagesstätten. Die ersten Erfahrungen sind durchweg positiv. Die Frauen schätzen den ganzheitlichen Ansatz im deutschen Betreuungssystem.

Um den Fachkräftemangel in den städtischen Kindertagesstätten etwas zu mildern, sind kreative Herangehensweisen nötig. Daher hat sich die Stadt Bonn 2019 entschlossen, in Spanien um pädagogisches Personal zu werben – mit Erfolg. Anfang Februar 2021 kamen zehn Erzieherinnen in Bonn an. Eine weitere Kollegin ist mittlerweile gefolgt, und zudem wird noch ein Mann Ende des Monats erwartet. Seit kurzem sind die Frauen in insgesamt elf städtischen Kindertagesstätten eingesetzt. Über ihre ersten Praxis-Erfahrungen berichteten zwei von ihnen – Marta Gestoso und Marta Silverio – nun bei einem Pressetermin. 

Auch Gitte Sturm, Leiterin des Amtes für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Bonn, Sabine Lukas, Abteilungsleiterin im Jugendamt und zuständig für die städtischen Kitas, sowie Iris Ohm, Leiterin der Kita Splickgasse in Lannesdorf, nahmen an dem Termin teil. In Spanien hat pädagogisches Fachpersonal einen akademischen Abschluss, den „Maestro en Educación Infantil“, der auch in Deutschland anerkennungsfähig ist. „Die Fachkräfte haben alle ein Hochschulstudium, aber in ihrer Heimat kaum eine Chance auf eine feste Anstellung, die dem Abschluss entspricht. Für uns ist dies ein weiterer Baustein in unseren Bemühungen, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten“, sagt Gitte Sturm, Leiterin des Amtes für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Bonn. In Spanien ist die Arbeitslosigkeit hoch, insbesondere unter jungen Menschen. 

Der Einsatz der spanischen Erzieherinnen und des Erziehers ist ein Pilotprojekt. Alle Kitas, in denen das neue Personal eingesetzt ist, haben sich bewusst für die Teilnahme entschieden. Denn neben der personellen Entlastung bedeutet die Integration ins Team zunächst mehr Arbeit. „Wir sind froh, dass sich so viele Einrichtungen auf dieses Experiment eingelassen haben, erfreulicherweise haben sich genauso viele Kitas gemeldet, wie spanische Kräfte gekommen sind“, sagt Amtsleiterin Gitte Sturm. 

Seit Mitte Februar arbeiten die Erzieherinnen, die zwischen 23 und 36 Jahre alt sind, in den jeweiligen Einrichtungen. Marta Gestoso (23) ist in der U3-Gruppe in der Kita Splickgasse eingesetzt. Ihren bisherigen Eindruck beschreibt sie so: „Es geht mir sehr gut. Die Kinder haben so viel Freiheit. Sie haben sehr gute Beziehungen zu ihren Erziehern.“

Auch Marta Silverio (27), deren Arbeitsplatz die Kita Friedrich-Wöhler-Straße ist, berichtet: „Ein bisschen schwierig wegen der Sprache, aber sehr gut! Ich muss viele Worte lernen. Und meine Kollegen sind nett und sie haben viel Geduld.“

Große Zufriedenheit unter den spanischen Fachkräften

Insgesamt war das erste Feedback der jungen Frauen überwältigend. Per Mail bekam Sabine Lukas Nachrichten, wie „Es war großartig, ich bin super glücklich", „Es war ein großartiger Tag. Ich liebe die Kita und meine Kollegin“ oder „Ich bin auch sehr glücklich, meine Kita und die Montessori-Methode sind die besten. Ich liebe meine neue Kita und meinen neuen Job. Ich bin sehr glücklich, danke für alles“.

Auch die Rückmeldungen aus den Kitas, in denen die neuen Kolleginnen eingesetzt sind, sind sehr positiv: „Sie erleben sehr motivierte Mitarbeiterinnen, die neugierig und engagiert sind. Natürlich nehmen sie auch wahr, dass diese noch Schwierigkeiten haben, sich im Deutschen zu verständigen, aber auch den Willen, ihr Deutsch möglichst schnell zu verbessern“, berichtet Sabine Lukas, Abteilungsleiterin im Amt für Kinder, Jugend und Familie. 

Das bestätigt auch Iris Ohm, Leiterin der Kita Splickgasse, in der Marta Gestoso nun arbeitet: „Marta ist eine absolute Bereicherung für unser Team. Ich bin überrascht, wie anders die Ausbildung in Spanien ist.“ Auch die Eltern sind sehr angetan. Eine deutsch-türkische Mutter hatte zwar zunächst wegen der Deutschkenntnisse Vorbehalte: „Meine Bedenken haben sich aber im persönlichen Kontakt schnell gelegt, Marta konnte nach kurzer Zeit mit den Kindern einen engen Kontakt aufbauen und sich gut auf Deutsch unterhalten. Ich freue mich auf eine lange Zusammenarbeit“, so die Mutter.

In Deutschland steht ganzheitliche Entwicklung im Vordergrund

Die pädagogische Praxis im Heimatland der spanischen Erzieherinnen unterscheidet sich sehr zu Deutschland. „In Spanien ist Kita in der Regel eher ‚Schule‘ im Sinne eines gezielten Lernens und Einübens von Fertigkeiten, während bei uns die ganzheitliche Entwicklung des Kindes im Vordergrund steht“, erklärt Sabine Lukas. Damit verbunden seien auch andere methodische Zugänge. „Gerade wegen des Wunsches, anders pädagogisch zu arbeiten, sind die jungen Leute nach Deutschland und Bonn gekommen, das reflektieren sie auch sehr“, so Lukas.

In regelmäßigen gemeinsamen Video-Konferenzen, die von einer Fachberaterin moderiert werden, bestätigt sich der Eindruck, dass alle sowohl mit der Arbeit als auch mit der Organisation sehr zufrieden sind und Bonn und Umgebung mögen. Neben der fachlichen Begleitung durch die Fachabteilung und die Kitas steht zudem eine spanisch-stämmige Mitarbeiterin des Jugendamtes bei Fragen und Problemen zur Verfügung.

Bevor die Reise nach Bonn beginnen konnte, bereiteten sich die Spanierinnen intensiv vor. In Madrid durchliefen sie einen halbjährigen Sprachkurs, der mit einer Prüfung (B2) abschloss. Diese ist neben der Anerkennung des Studienabschlusses Voraussetzung für die Anerkennung als Fachkraft in Deutschland. Um den Kräften den Einstieg in Bonn zu erleichtern und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Deutschkenntnisse weiter zu vertiefen, besuchen sie nun ein Jahr lang weiter einen Sprachkurs.

Dieser ist über die VHS organisiert und wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert. In diesem Kurs ist es möglich, den Abschluss C1 zu erwerben. Zum Besuch des Sprachkurses (und zur Vor- und Nachbereitung) sind die Spanierinnen donnerstags und freitags vom Dienst in der Kita freigestellt. Der Kurs läuft derzeit online. Er berücksichtigt inhaltlich und sprachlich die Besonderheiten des Berufsfeldes.

Die Situation in den städtischen Kitas

Derzeit sind mehr als 70 Stellen in den städtischen Kindertageseinrichtungen nicht besetzt. Der Bedarf wird in den nächsten Jahren noch steigen, da weitere Kita-Plätze geschaffen werden und damit immer mehr Kinder immer länger betreut werden. Auch im Grundschulbereich wird der Besuch der OGs mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit und in einigen Jahren wird es einen Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz geben.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, bildet die Stadt Bonn zum Beispiel selbst aus und bietet nur noch unbefristete Verträge an. Zudem sind Dauerausschreibungen in verschiedenen Medien geschaltet und auch die Arbeitgeberkampagne der Stadt Bonn wendet sich – neben anderen Berufsbildern - auch gezielt an Erzieherinnen und Erzieher. Auch die Fachkräfterekrutierung aus dem Ausland, vorzugsweise wieder aus Spanien, will die Stadt Bonn fortsetzen.

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Bildnachweise

  • Isabel Klotz

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