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Bundesstadt Bonn

Equal Care Day: Das „Kümmern“ ist auch eine Leistung

Die Corona-Pandemie hat es mehr als deutlich gezeigt, welche Berufe systemrelevant sind. Pflege und Betreuung sind ganz vorne mit dabei. Doch wer kümmert sich um jene, die „den Laden am Laufen halten“? Die Equal-Care-Day-Konferenz, die anlässlich des Equal Care Day am heutigen Montag als gemeinsame Veranstaltung der Gleichstellungsstelle der Stadt Bonn und der Initiative Equal Care stattfand, diskutierte über mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung der privaten und beruflichen Sorgearbeit.

Almut Schnerring und Sascha Verlan, auf deren Initiative der Equal Care Day zurückgeht, sowie die Bonner Gleichstellungsbeauftragte Stephanie Clemens-Krämer begrüßten die rund 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zoom-Konferenz. „Sorgearbeit wird zu 80 Prozent von Frauen übernommen – diese Zahl macht mich immer noch fassungslos“, so Clemens-Krämer. Vielen Menschen sei dieses krasse Missverhältnis gar nicht bewusst, obwohl sie dieses täglich selbst lebten. „Hier will ich mich aktiv in der Bonner Stadtverwaltung einsetzen, um ein Bewusstsein und Lösungen zu schaffen“, so die Gleichstellungsbeauftragte.

OB Dörner: „Vereinbarkeit ist eine Haltung“

Auch Oberbürgermeisterin Katja Dörner nahm an der Konferenz teil und berichtete über die Situation und Pläne der Stadt Bonn beim Thema. „Ich sehe es als Pflicht einer Arbeitgeberin wie der Stadt Bonn, Lösungen im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur anzubieten, sondern auch in der täglichen Zusammenarbeit von Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu leben“, sagte die OB, die seit 2016 eine Unterstützerin der ersten Stunde der Equal Care Initiative ist. Während der Pandemie hat die Stadt Bonn frühzeitig und schnell flexible Angebote für Eltern ermöglicht, um Betreuung bei geschlossenen Kitas und Schulen zu schaffen. Homeoffice sei nicht die Lösung für Eltern, insbesondere kleinerer Kinder, denn gleichzeitig Arbeiten und zu 100 Prozent Leistung erbringen und sich um Kinder kümmern sei nicht machbar, sagte Dörner. „Ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass auch in unserer Verwaltung die Vereinbarkeit von Beruf und Familie- und Sorgearbeit kein Schlagwort ist, sondern eine Haltung“, bekräftigte die Oberbürgermeistern. Derzeit nimmt die Stadt Bonn zum Beispiel am Auditierungsverfahren „Familie & Beruf“ teil.

Die stellvertretende Gleichstellungsbeauftrage Katja Schülke sowie Gertrud Hennen und Katrin Böhnke aus dem Amt für Wirtschaftsförderung berichteten davon, was die Stadt Bonn bislang intern umgesetzt hat, um Care Arbeit von Beschäftigten stärker sichtbar zu machen. Neben persönlichen Interviews mit Personen, die neben ihren beruflichen Aufgaben intensiv Care-Arbeit leisten, gab es auch eine umfangreiche Umfrage, um ein detailliertes Bild der Situation der Beschäftigten zu erhalten. „Zudem koppeln wir all unsere Erkenntnisse intensiv rück mit der Personalverwaltung, denn wir wollen größtmögliche Akzeptanz der Führungskräfte erreichen“, berichtete Katja Schülke. Eine Idee ist auch, zukünftig eine zentrale Anlaufstelle für das Thema „Equal Care“ in der Verwaltung einzurichten. „Hier soll Wissen gebündelt werden, Beratung stattfinden und Möglichkeiten aufgezeigt werden. Wir wollen gerne, dass sich eine Haltung zum Thema Care-Arbeit in der Stadtverwaltung entwickelt“, so die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte.  

Care-Arbeit in Pandemiezeiten

Professorin Dr. Angela Häußler, die zu Alltagskultur und Gesundheit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg forscht und lehrt, sowie Dr. Nina Klünder, Haushaltswissenschaftlerin am Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz, zeigten auf, wie die mangelnde Wertschätzung von Sorgearbeit unter anderem historisch zu erklären ist. „Das ‚Kümmern‘ wird nicht als Wirtschaftsleistung angesehen. Nur das ist produktiv, was auf dem Markt Geld einbringt. In dieser Logik wird Sorgearbeit als unproduktiv gewertet und entsprechend gar nicht oder nur gering entlohnt“, so Häußler. Schon immer sei Verantwortung für Menschen geringer entlohnt worden, als Verantwortung für Maschinen.

Dr. Nina Klünder zeigte das Verhältnis von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit auf. So würden in Deutschland jährlich rund 89 Milliarden Zeitstunden an unbezahlter Care-Arbeit im Gegensatz zu 66 Milliarden Arbeitsstunden geleistet. In Beziehungen mit Kindern würden Frauen jeden Tag 2,5 Stunden mehr Care-Arbeit leisten, als Väter. Hieraus resultierte der so genannte Gender-Care-Gap. Dies ist ein Indikator, um unterschiedliche Zeitbindung von Frauen und Männern für Sorgearbeit anzuzeigen. „In der Corona-Pandemie spitzte sich diese Situation nochmal extrem zu“, so Klünder.

Das Fazit der Forscherinnen: Das Erwerbs-Sorge-Modell muss das Familien-Ernährer-Modell ablösen. Diese und weitere Forderungen für eine gerechtere Situation sind auch im Equal Care Manifest der Initiative niedergeschrieben, das nach wie vor von Unterstützerinnen und Unterstützern unterzeichnet werden kann:  https://equalcareday.de/manifest-kurzfassung/ (Öffnet in einem neuen Tab)

Zuschreibungen an Mädchen und Jungen festigen Rollenklischees

Almut Schnerring und Sascha Verlan zeigten auf, wie Kinder teilweise schon vom Babyalter an aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich erzogen werden und Verhalten unterschiedlich gewertet wird. Die Zuschreibung von Fürsorglichkeit und „Sich-Kümmern“ bei Mädchen, das „in die Welt gehen“ und „technische Spielen“ von Jungen. Sie appellierten, dass sich Eltern dieser oft subtilen Mechanismen bewusst werden und ihr eigenes Verhalten überdenken sollten.

Schnerring formulierte eine bittere Erkenntnis: Die, die sich kümmern, werden ihr ganzes Leben lang finanziell abgestraft. Durch weniger Einkommen in schlechter bezahlten Care-Berufen, durch Teilzeitarbeit aufgrund von Familienverantwortung und in Konsequenz durch geringere Renten. Aber sie betonte auch, dass ein Umdenken dringend nötig sei: „Wer sich kümmert, hat keine Lücke im Lebenslauf – sondern hat in dieser Zeit wichtige Arbeit geleistet!“

Patricia Cammarata, Bloggerin und Autorin des Buches „Raus aus der Mental Load Falle“, sprach über das Konzept der „Mental Load“. Damit ist gemeint, dass für ein funktionierendes Familien- und Paarleben neben den sichtbaren Aufgaben im Alltagsleben sehr viele unsichtbare Aufgaben mitgedacht und mitgeplant werden müssen. Oft werden diese als „nicht der Rede wert“ klassifiziert. In ihrer Summe jedoch und durch die Last der alltäglichen Verantwortung stellt die Mental Load eine schwerwiegende Belastung dar, die zu Burnout-ähnlichen Symptomen führen kann. Patricia Cammarata zeigte Wege auf, wie eine gerechtere Arbeitsaufteilung in der Familie gelingen kann. Der erste Schritt sein die simple Feststellung, dass Überforderung da ist und dies zu äußern. „Mental Load ist wie Projektmanagement im privaten Alltag. Und dann stellen Sie sich vor es wird erwartet, dass sie das Projekt auch alleine umsetzen“, zog sie den Vergleich zur Arbeitswelt.

Im Anschluss an die Interviews und Vorträge konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch in kleineren Diskussionsrunden zusammenfinden, um die einzelnen Themen zu vertiefen. Teile der Konferenz wurden aufgezeichnet und sind auf den Youtube-Kanal der ECS-Initiative  hier (Öffnet in einem neuen Tab) abrufbar.

Equal Care Day

Der Equal Care Day ist eine Initiative, die auf mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Care-Arbeit aufmerksam macht. Als gesellschaftliche Bewegung möchte sie Aspekte, Akteurinnen und Akteure sowie Anliegen in ihrer Vielfalt zusammenbringen, um gemeinsam gehört zu werden. Ihr Ziel ist es, die Sorgearbeit aus der Nische des unsichtbaren Engagements herauszuholen, um Politik und Wirtschaft dafür zu gewinnen, die unterschiedlichen Bereiche von Care-Arbeit ernst zu nehmen und neu zu denken. Eigentlich ist der Aktionstag der 29. Februar im Schaltjahr als Symbol für die „Unsichtbarkeit“ der vielfach geleisteten Sorgearbeit. In den anderen Jahren wird der Tag am 1. März begangen.

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