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Bundesstadt Bonn

Gewaltpräventionskonzept für die Stadt Bonn

Eine Forschungsgruppe der Philipps-Universität Marburg um Prof. Dr. Ulrich Wagner hat für die Stadt Bonn eine strategische Grundlage für ein Gewaltpräventionskonzept entwickelt.

Die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erarbeiteten zwölf Handlungsempfehlungen sind der strategische Rahmen, in dem die Bundesstadt Bonn nun ein Bündel von Maßnahmen für eine koordinierte gesamtstädtische Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen entwickeln wird, um das Ausmaß von Gewalt in Bonn zu verringern.

Auf einer breiten Basis und unter Einbeziehung vieler in Jugendhilfe, Schule, Polizei und Justiz engagierter Menschen sowie Organisationen ist das Konzept entstanden. Die Stadtverwaltung wird die strategischen Empfehlungen im Dezember 2019 dem Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie und dem Schulausschuss zur Beschlussfassung vorlegen.

OB Sridharan: „Gewalt löst keine Konflikte“

„In der Stadt Bonn setzen sich viele Menschen und Initiativen für Gewaltprävention ein. Daher befinden wir uns bereits auf einem guten Weg. Mit dem Gewaltpräventionskonzept haben wir nun einen Handlungsrahmen für die Zukunft. Wir wollen die Handlungsempfehlungen sukzessive umsetzen und somit koordiniert präventiv gegen physische Gewalthandlungen, seelische Verletzungen sowie gegen die systematische Ausgrenzung einzelner oder bestimmter Gruppen von sozialer Beteiligung vorgehen“, betont Oberbürgermeister Ashok Sridharan. „Wir werden nicht jede Gewalttat verhindern können. Aber wir müssen und werden u.a. in den Einrichtungen unserer Stadt alles daransetzen zu vermitteln, dass Gewalt kein Mittel zur Lösung von Konflikten sein darf und ihnen Alternativen aufzeigen. Wir möchten erreichen, dass junge Menschen füreinander sensibilisiert werden. Sie sollen lernen, friedlich und mit Respekt miteinander umzugehen.“

Der Dank des Oberbürgermeisters gilt allen Beteiligten, die ihr Wissen und ihre Erfahrung mit in die Entwicklung des Konzeptes eingebracht haben.

Norbert Wagner, leitender Kriminaldirektor der Polizei Bonn, ergänzt: „Seit dem tragischen Tod von Niklas hat die Bonner Polizei mit einem aufwändigen Präsenzkonzept in Bad Godesberg die Sicherheitslage spürbar verbessert. In unserem Forum Jugendkriminalität haben wir seither gemeinsam mit der Stadt und Staatsanwaltschaft Bonn wichtige Erfahrungen der behördenübergreifenden Zusammenarbeit in Fällen von Jugendkriminalität gesammelt und weiterentwickelt. Für die Polizei Bonn ist es deshalb selbstverständlich, auch weiterhin engagiert an der Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Uni Marburg mit zu arbeiten.“

Die zwölf Handlungsempfehlungen nehmen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowohl als Täter bzw. Täterinnen als auch als Opfer in den Blick:

  • Eine gemeinsame Haltung in der Stadt Bonn zur Ächtung von Gewalt etablieren und verbreiten. Dabei sollten politische Entscheidungsträgerinnen und -träger, städtische und staatliche Schlüsselakteure, freie Träger, Vertreter und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft sowie Kinder und Jugendliche einbezogen werden.
  • Einigung auf ein gemeinsames handlungsleitendes Verständnis von Aggression und Gewalt in Institutionen und in der Stadt.
  • Eine gemeinsame Strategie und Handlungskonzepte zum Umgang mit akut gewalttätigem Verhalten in Institutionen und in der Stadt entwickeln.
  • Monitoring-Instrumente zur Überwachung von Gewalt und Kriminalitätsfurcht einrichten, um objektiv und vergleichbar Daten zur Belastung und Entwicklung zu erhalten.
  • Gewaltpräventive Maßnahmen anhand der Bedarfe der Stadtteile auswählen und Ressourcen nach den Belastungen verteilen.
  • Qualitativ hochwertige und evaluierte Präventionsmaßnahmen auswählen, fördern und implementieren.
  • Bestehende Gewaltpräventionsmaßnahmen in Institutionen und darüber hinaus stärken, aufeinander abstimmen und vernetzen.
  • Zweckmäßige Instrumente zur Selbstevaluation zur Verfügung stellen, um Gewaltpräventionsmaßnahmen auf deren Qualität und Wirksamkeit überprüfen zu können.
  • Finanzierungsmöglichkeiten für Präventionsmaßnahmen stärken, transparent und leicht zugänglich machen.
  • Fachbezogene Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote ausweisen sowie die Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte fördern.
  • Eine zentrale öffentliche Internetplattform aufbauen und transparente Kommunikationsstrukturen etablieren.
  • Eine zentrale Struktur der Gewaltprävention z.B. durch die Einrichtung einer kommunalen Koordinations- und Fachstelle etablieren.

Die Empfehlungen bauen teilweise aufeinander auf und ergänzen sich. Die Verwaltung schlägt den politischen Gremien vor, die Handlungsempfehlungen entsprechend einer Prioritätenliste nach und nach umzusetzen. „So können wir eine schnellere Umsetzung der Handlungsempfehlungen in die pädagogische Praxis erreichen“, sagt Udo Stein, Leiter des Amtes für Kinder, Jugend und Familie. Es sollen möglichst alle strategischen Handlungsempfehlungen umgesetzt werden, da dies die Wirksamkeit der Maßnahmen der Gewaltprävention erhöht. „Der Grad und Zeitpunkt der Umsetzung ist dabei auch von den personellen und finanziellen Ressourcen sowie von der Kooperationsbereitschaft Dritter abhängig. Dementsprechend kann es im Laufe der Entwicklung jetzt noch nicht absehbare Verzögerungen oder Hindernisse geben“, so Stein.

Die Bereitstellung von Finanzmitteln 2017 konnte zunächst dazu beitragen, die Erarbeitung eines gesamtstädtischen Gewaltpräventionskonzeptes unter Vergabe des Forschungsauftrages zu realisieren. Zukünftig werden diese Mittel, die auch in der Fortschreibung des städtischen Haushaltes enthalten sind, die zeitnahe Umsetzung der Empfehlungen begünstigen und ermöglichen.

Hintergrund

Nach der schrecklichen Gewalttat in Bad Godesberg, bei der im Mai 2016 ein Jugendlicher getötet worden war, hatte Oberbürgermeister Sridharan gemeinsam mit Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa einen „Runden Tisch gegen Gewalt“ eingerichtet. Ein frühes Ergebnis des Runden Tisches war der Auftrag, ein Gewaltpräventionskonzept für die Stadt Bonn unter der Federführung des Amtes für Kinder, Jugend und Familie zu entwickeln. Die Wirksamkeit der bereits vielfach erfolgreich durchgeführten Maßnahmen der Gewaltprävention in Bonn soll durch die Vernetzung und gemeinsame Leitlinie eines gesamtstädtischen Konzeptes weiter erhöht werden.

Hierzu erteilte die Stadt Bonn im Frühjahr 2017 dem Leiter der Arbeitseinheit Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg, Professor Wagner, einen Forschungsauftrag. Vertraglich wurde mit der Universität Marburg die Durchführung eines zweijährigen Forschungsprojektes mit Start zum 1. August 2017 vereinbart. In dem Prozess wurden eine Auftaktveranstaltung, die Auswertung kriminalstatistischer Daten, eine repräsentative Online-Befragung von Aktiven der Gewaltprävention in Bonn, qualitative Hintergrundgespräche mit ausgewählten Akteuren, eine repräsentative Dunkelfelduntersuchung bei Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse, Stadtspaziergänge zum Thema Sicherheitsempfinden in zwei beispielhaften Stadtteilen und vier Konzeptworkshops durchgeführt.

Begleitet und gelenkt wurde das Projekt durch die Planungsgruppe Gewaltprävention (u.a. Amt für Kinder, Jugend und Familie, Schulamt, Integrationsbeauftragte, Polizei, Schulaufsicht, Stadtschulpflegschaft, Träger der freien Jugendhilfe, Kirchen, Moscheegemeinden, Amtsgericht, Staatsanwaltschaft, Stadtsportbund, Industrie- und Handelskammer), die sich seit 2016 in insgesamt acht Sitzungen zur gemeinsamen Beratung traf.

Der Gewaltbegriff

Die Forschungsgruppe um Prof. Wagner legte den folgenden, mit der Planungsgruppe Gewaltprävention einvernehmlich entwickelten Gewaltbegriff zu Grunde: "Gewalt ist die absichtliche Androhung oder Ausführung einer Verletzung körperlicher Unversehrtheit, einer schweren seelischen Verletzung oder die systematische Ausgrenzung einzelner oder bestimmter Gruppen von sozialer Beteiligung gegen den Willen der davon Betroffenen."

 

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Bildnachweise

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  • Giacomo Zucca/Bundesstadt Bonn
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  • Pixabay
  • Sascha Engst/Bundesstadt Bonn

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