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Bundesstadt Bonn

Johanna und Gottfried Kinkel

Selten hat die Zeitgeschichte das Leben eines Ehepaares so sehr geprägt, wie die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts das Leben von Gottfried und Johanna Kinkel: von der Rheinromantik über die Revolution 1848/49 bis ins Londoner Exil. Sie waren der Mittelpunkt des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Bonn.

Gottfried: geb. 11. Mai 1815 Bonn-Oberkassel - gest. 13. November 1882

ev. Theologe, Kunstwissenschaftler, Journalist, Politiker 

Johanna, geb. Mockel, gesch. Mathieux: geb. 8. Juli 1810 Bonn - gest. 15. November 1858

Komponistin, Musikpädagogin, Schriftstellerin 

Johannas erste Karriere als Pianistin und Komponistin

Johanna wuchs als Tochter des Gymnasiallehrers Peter Josef Mockel und der Bonnerin Marianna geb. Lamm im französischen Bonn auf. Zunächst unterrichtet vom Vater, erhielt das Kind bald Klavierunterricht von Franz Anton Ries, der schon Beethoven unterrichtet hatte. Er förderte ihr musikalisches Talent und die Zwölfjährige beschloss zum Entsetzen der Eltern, „ein Geschäft aus der Musik“ zu machen. Mit 19 Jahren übertrug ihr Ries die Leitung seines „musikalischen Kränzchens“. Zum Karneval 1829 komponierte sie für den Verein ihr op. 1, Die Vogelkantate. Johanna erweiterte das Kränzchen zu einem respektablen Gesangverein, von dem auch Annette von Droste-Hülshoff begeistert war und sich mit Johanna anfreundete. Um den ständigen Bevormundungen im Elternhaus zu entgehen und sich ganz ihrer Musik widmen zu können, heiratete sie 1832 den Kölner Buch- und Musikalienhändler Johann Paul Mathieux. Nach der Hochzeit zeigte er sich als böser Tyrann, und Johanna wurde von ihren Eltern fast gewaltsam wieder nach Hause geholt. Mutig reichte sie die Scheidung ein.

Nachdem sie sich langsam von den Schrecken dieser Ehe erholt hatte, nahm sie wieder am musikalischen Leben in Bonn teil. Neben dem Unterrichten und Musizieren in den Professorenfamilien organisierte sie Musikveranstaltungen, meist zu wohltätigen Zwecken und oft mit durchreisenden namhaften Sängern und Musikern. Sie erntete allgemein großes Lob und Anerkennung, aber sie spürte, dass sie mit tieferen Kenntnissen der Musiktheorie Besseres würde leisten können.

Im Herbst 1836 erhielt sie eine Einladung nach Rödelheim bei Frankfurt und setzte nun alles daran, dort den von ihr verehrten Felix Mendelssohn Bartholdy persönlich kennen zu lernen. Es gelang ihr mit Hilfe von Dorothea Schlegel, der Tante Mendelssohns, seine und auch Ferdinand Hillers Bekanntschaft zu machen. Mendelssohn war von ihrem Talent überzeugt und empfahl sie an seine Berliner Freunde. Sie musizierte nicht nur mit Mendelssohn und Hiller, sondern auch im Rödelheimer Haus von Georg von Brentano, in den sie sich heimlich verliebte. Wir verdanken dieser unerfüllten Liebe einige ihrer schönsten Kompositionen (z.B. Vorüberfahrt, op. 7,3). Mendelssohn empfahl sie auch an seine Schwester Fanny Hensel, und Brentano empfahl sie seiner Schwester Bettina von Arnim. Von Beiden wurde sie freundschaftlich empfangen, und die Berliner Salons öffneten ihre Türen für die junge Pianistin. Bald hatte sie viele Schülerinnen und konnte dadurch ihren eigenen Unterricht finanzieren. Schon im Sommer 1838 veröffentlichte der renommierte Musikverlag Trautwein in Berlin ihre ersten Liederhefte (opp. 7-12), aber auch Kistner in Leipzig (op. 6). Im Dezember des gleichen Jahres veröffentlichte Trautwein ihre Vogelkantate, die sie mit großem Erfolg zu Friedrich Carl von Savignys Geburtstag mit dessen Familienmitgliedern und Freunden aufgeführt hatte. Durch die sehr positiven Rezensionen des Musikkritikers Ludwig Rellstab wurde auch Robert Schumann in Leipzig aufmerksam und bat um einige Lieder. Da er ihre Kompositionen zwar lobte, doch als „neue Weiblichkeit im Sinne Rahel Varnhagens und Bettina von Arnims“ bezeichnete, schickte Johanna ihm zwar ihr „wildestes Trinklied für Männerchor“ (Laßt uns hochbegeistert trinken, ohne Opus-Zahl), vertiefte den Kontakt zu ihm jedoch nicht. Bettina von Arnim lud sie schon kurz nach ihrer Ankunft in Berlin ein, bei ihr zu wohnen. Johanna unterrichtete die vier Kinder in Klavier und Gesang. Doch schon bald wurde ihr die totale Vereinnahmung durch Bettina und ihre Kinder sowie die von ihrer Schwester Gunda (Kunigunde), verheiratet mit dem Juristen Friedrich Carl von Savigny, zu viel. Sie wollte sich mehr ihren Studien und dem Komponieren widmen und zog in ein kleines Gartenhaus. Bettina grollte zwar, doch blieb die freundschaftliche Verbindung weiterhin bestehen.

Die Begegnungen mit den Geistesgrößen der Zeit, wie den Dichtern Adelbert von Chamisso – dessen Gedicht Schloß Boncourt sie vertonte (op. 9) und ihm posthum widmete -, Joseph von Eichendorff, Emanuel Geibel – dessen Gedichte sie ganz besonders liebte; den Wissenschaftlern Eduard Gans, Alexander von Humboldt, Leopold von Ranke – der sie oft nach Hause begleitete, um ein Gespräch zu Ende zu führen -, Carl August Varnhagen von Ense – der ihren Lebensweg bis zu seinem Tod im Sommer 1858 verfolgte -, beeindruckten sie stark und vertieften ihre liberale Denkart. Außer Fannys Mann, Wilhelm Hensel, gehörten noch weitere Maler zu ihrem engeren Bekanntenkreis: Carl Begas (d. Ä.) nahm sie mit, als er die Kronprinzessin Augusta porträtierte, um dieser die Zeit mit Klavierspiel zu vertreiben; Caroline Bardua, ebenfalls eine gefragte Porträtmalerin, zeichnete vermutlich das Titelbild zu Johannas op. 1, Die Vogelkantate. 

Mit Fanny Hensel verband Johanna außer der Musik eine Freundschaft, in die auch die jüngere, ebenfalls musikalisch hochbegabte Schwester, Rebecka Dirichlet, einbezogen war. Johanna würdigte Fanny Hensels Kompositionen in ihrem Vortrag Lecture on Felix Mendelssohn (1856) und stellte sie mit denen ihres Bruders auf eine Stufe. Johanna lernte in Fanny Hensels berühmten Sonntagskonzerten junge, aufsteigende Künstler kennen, denen sie später wieder begegnete, wie Clara Wieck (später Schumann), und die Sopranistinnen Clara Novello und Pauline Garcia (später Garcia Viardot). Nicht vergessen werden darf die Familie des Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel und der Philosoph und Politiker Leopold von Henning. Dessen Frau Emilie und der ältesten Tochter Laura (später Delbrück) blieb sie in ganz besonderer Freundschaft verbunden. 

Aus diesem erfüllten und erfolgreichen Leben wurde sie Anfang 1839 herausgerissen, als Mathieux endlich in die Scheidung einwilligte und ihre Anwesenheit in Bonn erforderlich wurde. Der Prozess zog sich jedoch unerwartet in die Länge, und Johanna kehrte nicht, wie beabsichtigt, nach Berlin zurück, sondern blieb in Bonn, denn inzwischen war sie Gottfried Kinkel begegnet. 

Gottfried Kinkel: Pfarrerssohn und studierter Theologe

Als Johanna Mockel 1810 in eine katholische Familie in Bonn hineingeboren wurde, stand das Rheinland unter französischer Herrschaft; als Gottfried Kinkel 1815 in der evangelischen Enklave Oberkassel bei Bonn als Sohn des dortigen Gemeindepfarrers Johann Gottfried Kinkel und seiner zweiten Frau, Sibylla Marie geb. Beckmann, das Licht der Welt erblickte, war das Rheinland preußische Provinz geworden. Auch er wurde vom Vater unterrichtet, in Latein, Griechisch und Hebräisch – denn er sollte Pfarrer werden. Seine Mutter achtete streng darauf, dass nur die Bibel gelesen wurde, und er lernte, dass Sünde und Übel überall auf ein Kind lauerten. Ab Ostern 1825 besuchte er das Königliche Gymnasium zu Bonn, und Johannas Vater wurde sein Lehrer. Der junge Kinkel verehrte ihn sehr – so wie er dessen Tochter Johanna bewunderte, die jedoch kaum Notiz von dem fünf Jahre jüngeren Schüler nahm.

In Bonn schloss sich für Gottfried durch die Schule und den Einfluss der älteren Söhne des Gerichtsvollziehers Bücheler, bei dem er in Pension war, eine völlig neue Welt auf: er las lateinische und griechische Klassiker und machte Bekanntschaft mit der deutschen Literatur. Er war ein guter Schüler, machte ein glänzendes Abitur und studierte von 1831 bis 1835 evangelische Theologie in Bonn und Berlin.

In Berlin lernte er den Maler und Illustrator Ferdinand Weiß kennen und wohnte bei der Familie. Durch Weiß‘ Vater, Theaterdirektor und Regisseur, entdeckte er seine lebenslange Liebe zum Theater. Als der Freund seine Studien in Düsseldorf an der Malerakademie fortsetzte, knüpfte Gottfried auch dort freundschaftliche Kontakte. 1832, nachdem Kinkels Vater sein Pfarramt in Oberkassel niedergelegt hatte, war die Familie nach Bonn gezogen. Am 12. November 1835 starb die Mutter, am 27. Februar 1837 folgte der Vater. Er konnte nicht mehr erleben, dass sein Sohn im September 1838 die 2. theologische Prüfung vor dem Konsistorium in Koblenz mit der Note „vorzüglich“ bestand und eine Privatdozentenstelle in Bonn erhielt. Durch die Pflege der Eltern und sein Examen war die Gesundheit Gottfrieds und seiner älteren Schwester Elisabeth Johanna angeschlagen, und so reisten die Geschwister im Winter 1837/38 nach Südfrankreich und Italien. 

Die Schwester blieb in Meran, Gottfried zog es weiter. In Florenz und Rom hielt er sich länger auf und studierte die Denkmäler des klassischen Altertums. Kunstgeschichte und bildende Kunst rückten mehr und mehr in den Mittelpunkt seines Interesses, aber noch unter dem christlichen Blickwinkel. Er schrieb die Abhandlung Geschichte der bildenden Künste bei den christlichen Völkern. Als er im April 1838 nach Bonn zurückkehrte, begann er im Wintersemester seine akademische Laufbahn, die mit einer besoldeten Dozentenstelle ab Ostern 1839 eine glänzende Karriere versprach.

Die ausgedehnte Geselligkeit am 4. Mai 1839 bei Professor Johann Christian Wilhelm Augusti führte Johanna Mathieux und Gottfried Kinkel zusammen. Beide fühlten sich nach ihrer Rückkehr nicht wohl in Bonn. Gottfried musste einem ungeliebten Beruf nachgehen und hätte sich viel lieber der Kunstgeschichte gewidmet, Johanna war aus der glücklichsten und erfolgreichsten Phase ihres Lebens herausgerissen worden und hatte in Berlin geistreiche Freunde zurückgelassen. Sofort spürten sie eine tiefe Geistesverwandtschaft und vergaßen über ihren Gesprächen völlig, dass sie in einer großen Gesellschaft waren. Das fiel den anderen Gästen auf, und scherzhaft kürte man sie zu Johannas großem Entsetzen zum Verlobungspaar. 

Mathieux verstand es, den Scheidungsprozess ein weiteres Jahr hinauszuzögern. Häufig musste Johanna spontan zu Verhören nach Köln fahren. In einer Februarnacht 1840, als Gottfried sie von einer Geselligkeit nach Hause begleitete, klagte sie ihm ihr Unglück. Gottfried wollte ihr helfen, und wie anders sollte er dies tun als mit Trost seines Glaubens, denn Johanna hatte ihm gestanden, dass ihr der Katholizismus keinen Trost geben könne. Sie habe sich, von Fragen und Zweifeln geplagt, von dieser Religion bereits abgewandt. Nun klammerte sie sich an diesen neuen Strohhalm und den einzigen, jetzt vertrauten Freund unter den vielen Bonner Bekannten. Gottfried dichtete in jener Februarnacht seine Zwölf Sonette an Johanna, ohne sich einzugestehen, dass er sich verliebt hatte. Eine Verbindung zwischen einem Professor der Theologie, verlobt mit einer Pfarrerstochter, und einer katholischen, geschiedenen Künstlerin war undenkbar. Dennoch war es von jener vertrauensvollen Februarnacht bis zur ersten offiziellen Einladung in Johannas Elternhaus, am 16. März 1840, nur noch ein Schritt und es begann ein täglicher Briefwechsel und enger Kontakt. Johanna komponierte aufs Neue sehnsuchtsvolle Lieder (Du nahst! op. 15/2). Am 22. Mai 1840 wurde sie endlich geschieden. 

Schicksalhafte Rheinfahrt schmiedet das Paar zusammen

Am 4. September 1840 machte Johanna mit Andreas Simons, 17-jähriger Schüler und Pflegesohn der Familie Mockel, einen Ausflug auf den Drachenfels. Dort trafen sie Gottfried Kinkel, der sich ihnen für den Rückweg anschloss. Um den Heimweg abzukürzen, mieteten sie einen Kahn, der durch die Ungeschicklichkeit des Schiffers mit dem Dampfschiff Marianne zusammenstieß. Johanna und Gottfried stürzten in den Rhein, Gottfried konnte sich und Johanna jedoch in das beschädigte Boot retten. „Nun hat der Tod ein Band geschmiedet“, dichteten sie gemeinsam, und wussten, dass sie nun untrennbar zueinander gehörten. 

Heirat 1843 trotz aller Schwierigkeiten

Aus übermütiger Freude am Dichten hatten sie mit einigen Studenten am 25. Juni 1840 „Der Maikäfer, eine Zeitschrift für Nichtphilister“ gegründet, in die die Mitglieder alles eintrugen, was Spaß machte. Mitglieder waren u. a. der spätere Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, die späteren Theologieprofessoren Willibald Beyschlag und Albrecht Wolters, die Philologen Alexander Kaufmann und Wilhelm Seibt, die Juristen Sebastian Longard und Leo Hasse, und die Pädagogen Friedrich Carl Fresenius und Hermann Behn-Eschenburg. Zum ersten Jahrestag der Gründung wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und viele Gäste eingeladen. Das Thema lautete: Otto der Schütz, nach einer Sage vom Niederrhein. Johanna verfasste ein Liederspiel, aufgeführt im März 1842 (Text und Komposition unveröffentlicht), und Gottfried ein Epos, das noch im selben Jahr (1841) bei Cotta veröffentlicht wurde und bis 1911 in 87 Auflagen erschien. 

Die evangelisch-theologische Fakultät sah das literarisch-theatralische Leben ihres Dozenten - er beteiligte sich auch an Johannas Lesungen und kleinen Theateraufführungen - und die Liaison mit der katholischen Künstlerin mit großem Argwohn. Als Kinkel seine Verlobung löste, verlor er alle seine Predigtämter und musste seine Tätigkeit als Religionslehrer aufgeben. Johanna verlor viele ihrer Schüler und einige Freundinnen, darunter Annette von Droste-Hülshoff, als 1842 bekannt wurde, dass sie zum protestantischen Glauben übergetreten war. 

Trotz aller Schwierigkeiten heiratete das Paar am 22. Mai 1843 und bezog Kinkels Professorenwohnung im Poppelsdorfer Schloss. Die Hochzeitsreise führte auch nach St. Goar, „wo wir mit Freiligrath und Geibel ein paar kostbare Tage verschwärmten“ – und die wechselvolle Freundschaft mit Ferdinand Freiligrath begann. 

Erfolge und Glück mit der jungen Familie

Im Mai 1845 reichte Gottfried Kinkel seine Schrift Geschichte der bildenden Künste bei den christlichen Völkern vom Anfang unserer Zeitrechnung bis zur Gegenwart. Lfg. 1 (Die altchristliche Kunst.) für seine Aufnahme an die philosophische Fakultät ein, am 10. Februar 1846 wurde er zum a. o. Professor (ohne festes Gehalt) der „Neueren Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte“ ernannt. Er hielt vor allem Vorlesungen über die Malerei der Niederlande und Belgiens, unternahm mehrere Studienreisen dorthin und reiste 1847 zu Kunstausstellungen nach Fulda, Gotha, Dresden und Berlin.

1842 hatte er wegen seiner wenig einträglichen Dozentur seine journalistische Tätigkeit für Cotta aufgenommen und seit 1843 hielt er sehr erfolgreich Vorträge vor „gemischtem Publikum“, d. h. auch Frauen hatten Zutritt, in Bonn und Köln. Johanna verdiente in dieser Zeit durch Unterrichten und die Veröffentlichung einiger Kompositionen weit mehr, wie ihr Sohn später berichtete. 

Im Ganzen gesehen waren die Jahre zwischen 1840 und 1847, trotz vieler gesellschaftlicher Querelen und Anfeindungen, die fruchtbarsten und glücklichsten der Bonner Zeit. Erfolgreiche Aufführungen mit dem Gesangverein, Kompositionen und Veröffentlichungen, Gedichte und Erzählungen im Maikäfer, interessante Freundschaften und glückliche Ehejahre, in denen bis 1848 vier Kinder geboren wurden (Gottfried jun., Johanna jun., Adelheid - später von Asten - und Hermann) gingen mit den immer mehr in den Vordergrund dringenden politischen Diskussionen langsam ihrem Ende entgegen. Gesangverein und Maikäferbund wurden von Johanna und Gottfried aufgelöst.

Abschied von der Rheinromantik

Einen letzten Glanzpunkt der Romantik setzte noch Gottfried Kinkels Jahrbuch „Vom Rhein. Leben, Kunst und Dichtung“, 1847. Hier vereinte er nicht nur das Beste aus der Maikäferzeit, sondern konnte auch Außenstehende für Beiträge gewinnen. Natürlich fehlte auch ein Beitrag von Johanna nicht; aber dass von Kinkels eigenen Beiträgen das Männerlied (S. 415-416) das Buch beschloss, wies in die Zukunft: Kinkel zog sich mit diesem Gedicht den Zorn der Regierung zu und nahm den Bruch mit langjährigen Freunden in Kauf.

Kugler, Kunstprofessur und Kulturpolitiker in Berlin, bemühte sich, für Kinkel eine Professur zu erwirken und ihn für die Mitarbeit an einem neuen Kunstblatt zu gewinnen. Kinkel war nicht abgeneigt, aber sein Verhalten führte dazu, dass Kugler das Angebot widerrufen musste. Ein Angebot von Cotta, als Journalist zu arbeiten und den Dienst zu quittieren, lehnte Kinkel jedoch ab, als ihm, nach einem Gespräch mit Kultusminister J.A.F. Eichhorn, ein zwar kleines, aber festes Gehalt und Aussicht auf eine dotierte Professur zugesichert wurde. Man wollte ihn wegen seiner erfolgreichen und anerkannten Lehrtätigkeit für den Universitätsdienst nicht verlieren. 

Politisches Engagement mündet in lebenslänglicher Festungshaft

Die Märzrevolution von 1848 lenkte die Schritte der Kinkels in eine andere Richtung. Noch war der blutige Ausgang in Berlin nicht bekannt geworden, als man die Versprechungen des Königs in Bonn mit einer Kundgebung feierte. Am 20. März 1848 waren Studenten, Professoren und Bürger vor das Rathaus gezogen und Gottfried Kinkel hielt seine erste offizielle politische Rede auf der Rathaustreppe. Kinkel wurde zum Vizepräsidenten der neu gegründeten Zentral-Bürgerversammlung gewählt. Schon bald aber spalteten sich die Mitglieder in verschiedene Interessensgruppen auf. Kinkel gründete am 28. Mai den Handwerker-Bildungsverein, leitete im Juni den in Köln tagenden Handwerkerkongress für Rheinland und Westfalen und war am 31. Mai 1848 Mitbegründer des Demokratischen Vereins in Bonn. Am 6. August übernahm er die Bonner Zeitung (ab 1848 Neue Bonner Zeitung) und gewann als Mitarbeiter seinen Studenten Carl Schurz. Immer mehr wandten sich Gottfried und Johanna dem Gedanken der Gründung einer Republik zu. Im Dezember brachte sich Johanna ein weiteres Mal in Misskredit: sie veröffentlichte ihr Demokratenlied. 

Gottfried Kinkel wurde in die Zweite Preußische Kammer in Berlin gewählt und war vom 23. Februar bis Ende April 1849 Abgeordneter der Linken. Carl Schurz und Johanna Kinkel führten die Zeitung weiter, Kinkel schickte Berichte aus Berlin. Besonders durch seine „Rede gegen das Heerwesen“ fiel er auf und lieferte sich mit Otto von Bismarck heftige Wortgefechte. Nach langem Zögern entschloss sich Johanna, im April mit den Kindern nach Berlin zu ziehen, aber schon Ende des Monats wurden sie ausgewiesen und mussten zurück nach Bonn: der König hatte seine Macht zurückgewonnen und löste die Parlamente auf. Sein Bruder Wilhelm kam aus seinem Londoner Exil zurück und übernahm das Kommando über das Heer. 

Kaum zurück in Bonn, wurde Kinkel wieder der geistige Führer der Demokraten. Überall im Rheinland entstanden Unruhen, wurden Barrikaden errichtet. Die Bonner Demokraten wollten den bedrängten Elberfeldern zu Hilfe kommen und man beschloss am 10. Mai einen Sturm auf das Siegburger Zeughaus, in dem Waffen für die Bürgerwehr lagerten. Doch schon auf dem Weg dorthin wurde das schlecht ausgerüstete Häuflein von preußischen Dragonern eingeholt und in die Flucht geschlagen. Der blamable Ausgang führte dazu, dass Kinkel, wie auch Carl Schurz, nicht mehr nach Bonn zurückkehrte, sondern über Elberfeld in die Pfalz floh. Am 20. Mai übernahm Johanna Kinkel die Redaktion der Neuen Bonner Zeitung und setzte ihren Namen als Verantwortliche ins Impressum. Mit Humor und Satire schrieb sie Leitartikel und kommentierte das politische und gesellschaftliche Leben vorwiegend aus Bonn und Köln. Kinkel und Schurz sandten ihr Berichte vom „Kriegsschauplatz“. Am 31. Mai erfolgte Kinkels Amtsenthebung, und Johanna zahlte die Studiengelder zurück. 

Nach seiner unbefriedigenden Tätigkeit im Nachrichtenwesen des Oberkommandos der „Revolutionsregierung“ trat Gottfried Kinkel am 18. Juni in die Freischärlerkompanie Besançon unter August Willich ein. Dort traf er Carl Schurz wieder und machte die Bekanntschaft von Friedrich Engels. Schon am 29. Juni, bei der Teilnahme an seinem ersten Gefecht, wurde Kinkel leicht verwundet und gefangen genommen. Zunächst inhaftiert im Karlsruher Rathausturm, wurde er bald nach Rastatt verlegt; zunächst in die Kasematten des Fort A, in denen man die „Gemeinen“ gefangen hielt, später in die Bastion 30, in der man die Rädelsführer inhaftiert hatte. Wie schwierig es für Johanna war, ihren Mann zu besuchen, hat sie in ihren Erinnerungsblättern an das Jahr 1849 anschaulich geschildert.

Am 4. August fand der Prozess vor dem Kriegsgericht statt und Kinkel wurde zu lebenslänglich Festungshaft verurteilt. Die „Begnadigung“ zu lebenslänglich Zuchthaus am 13. September war in Wirklichkeit eine Demütigung zu Einzelhaft und Zwangsarbeit. Von der Verhaftung bis zur Verurteilung verstummten die Forderungen nach der Todesstrafe nicht. Der durch die Revolution gedemütigte König und sein Bruder, der „Kartätschenprinz“ und spätere Kaiser Wilhelm I., konnten Kinkel seine Rede über das Heer und seine Märtyrerrolle, die er im Volk genoss, nicht verzeihen und kannten keine Gnade. Um Befreiungsversuche durch seine Anhänger zu verhindern, wurde er vom 8. Oktobe 1849 bis 12. April 1850 nicht im Rheinland, sondern in Naugard/Pommern inhaftiert. 

Vom 29. April bis 2. Mai 1850 war vor den Kölner Assisen der Prozess wegen des „Siegburger Zeughaussturms“ angesetzt, zu dem Kinkels Anwesenheit erforderlich wurde. Der Prozess fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, der Andrang im Gerichtssaal und auf den Straßen Kölns war außergewöhnlich. Kinkels Verteidigungsrede festigte seinen Mythos im Volk erneut, erzürnte aber seine Gegner. Der Prozess endete mit Freispruch für alle Angeklagten.

Man brachte Kinkel nun nach Spandau, um ihn besser „unter Kontrolle“ zu haben. Sein Fluchtversuch bei der Überführung scheiterte ebenso wie die Befreiungspläne seiner Freunde. Die Haftbedingungen in Spandau waren ungleich härter, er musste wieder spulen. In Naugard hatte der Zuchthausdirektor ihn nach einiger Zeit von der Zwangsarbeit befreit und ihm verschiedene Vergünstigungen gewährt. Er erlaubte ihm, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, allerdings nur bis zum Beginn der Revolution (s. Gottfried Kinkels Selbstbiographie, hrg. von Richard Sander, 1931). Viele Freunde, Bekannte und Studenten setzten sich mit einer Flut von Petitionen oder persönlich beim König, bei Regierungsmitgliedern oder den Generälen für Kinkel ein, so auch Bettina von Arnim, Leopold von Henning, Alexander von Humboldt und Ernst Moritz Arndt. 

Flucht und Londoner Exil

Aus Geldnot und um Kinkel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, veröffentlichte Johanna, mit persönlicher Unterstützung des Verlegers Georg Freiherr Cotta von Cottendorf, in den Jahren 1849 und 1850 kunstwissenschaftliche Aufsätze und Gedichte von Gottfried, die gemeinsamen Erzählungen, ihre Kompositionen und eigene Erzählungen und Abhandlungen.

Sie erhielt viel moralische Unterstützung durch neue Freunde, wie Fanny Lewald und Adolf Stahr, Malwida von Meysenbug und Kathinka Zitz. Demokraten in ganz Deutschland spendeten Geld „zum Besten der Kinder Gottfried Kinkels“, vor allem die estnische Baronin Marie von Bruiningk, die 1851 mit ihrer Familie nach London ins Exil gehen musste. 

Carl Schurz hatte aus dem besetzten Rastatt in die Schweiz fliehen können und bereitete mit Johanna Gottfrieds Befreiung vor. Vom 11. Mai bis zum 6. November 1850 war Kinkel im Spandauer Zuchthaus inhaftiert, in der Nacht vom 6. zum 7. November gelang die Befreiung. Schurz und Kinkel flüchteten nach Rostock, wenige Tage später mit Hilfe eines Reeders nach Leith in Schottland. Vom 8. Dezember 1850 bis 9. Januar 1851 hielt sich Kinkel in Paris auf. Hier traf er Johanna wieder und sie beschlossen, London als Exil zu wählen. Johanna kehrte nach Bonn zurück und bereitete unter schwierigen Umständen, u.a. polizeiliche Verhöre zu Kinkels Flucht, die Übersiedlung mit den Kindern vor. Am 19.01.1851 verließ sie mit einem Passagierschiff der Düsseldorfer Gesellschaft, „unter Hurrah und Böllerschüssen und tausend Segenswünschen“, für immer ihren geliebten Rhein. 

In London griff Kinkel seine politische Tätigkeit wieder auf, teils aus Überzeugung, teils aus Dankbarkeit der Partei gegenüber. Am 8. März war er Mitbegründer des Ausschusses für die Deutsche Nationalanleihe, im September brach er zu einer „Agitationsreise“ in die USA auf, um für Gelder für eine neue deutsche Revolution und militärische Unterstützung zu werben. 

Johanna Kinkel wird zur finanziellen Stütze der Familie

Hatten für den Neuanfang der Familie in London Spendengelder geholfen, u.a. auch eine Aktion von Charles Dickens, so war Johanna jetzt auf sich allein gestellt und musste nicht nur für ihre vier Kinder sorgen, sondern auch für Carl Schurz, der in Kinkels Abwesenheit bei ihr wohnte, dessen Schwester Antonie und Adolf Strodtmann, den ersten Biographen Kinkels, sowie Parteifreunde und Bittsteller. Daneben hatte sie scharfe verbale Angriffe durch Karl Marx, Kinkels erbittertsten Gegner, auszuhalten und wurde stark bedrängt durch Hilfe und Unterstützung fordernde deutsche Exilanten. Die Querelen und Attacken der deutschen Exilanten gegen sie und Gottfried, und auch untereinander, zehrten an ihren Nerven. Mut machten ihr hingegen Begegnungen mit Exilanten anderer Nationen. 

Mit der im Sommer gegründeten Kindergesangschule, die bald sehr erfolgreich wurde, und mit weiteren Unterrichtsstunden konnte Johanna die Familie und die Nutznießer über Wasser halten. 

Kinkels Abkehr vom politischen Engagement - Tod Johannas

Inzwischen wurde Gottfried in den USA als Held der Revolution und zukünftiger deutscher Staatsmann zwar gefeiert – selbst der Präsident Millard Fillmore empfing ihn - aber finanziell war die Reise wenig erfolgreich. Während seiner Abwesenheit erstarkte die Reaktion in Europa, überall gewann die Monarchie wieder die Oberhand. Die meisten Revolutionäre sahen hierin ein Ende der demokratischen Bestrebungen in Europa und wanderten nach Amerika aus, so auch Carl Schurz, dessen außerordentliche politische Karriere erst in Amerika beginnen sollte. 

Enttäuscht über die Querelen in der Partei, wandte sich Gottfried von der politischen Arbeit ab und wieder seiner Lehrtätigkeit zu. Eine ordentliche Professur erlangte er auch in England nicht, aber mit seinen Vortragsreisen und seinem Unterricht in London war er bald erfolgreich. 

Johanna genoss das Londoner Konzertleben, auch wenn sie es heftig kritisierte und die Art der Londoner, mit Künstlern umzugehen, auf das Schärfste verurteilte. Zwischen 1852 und 1856 hielt Johanna musikwissenschaftliche Vorträge und komponierte noch einmal ein erfolgreiches Musikstück, The baker and the mice (1854), das jedoch nur im Freundeskreis aufgeführt wurde. Gottfried unterrichtete ab 1854 Geographie und alte Geschichte (bis 1855), dann Kunstgeschichte am Bedford College for Women, und hielt 1856 und 1857 in Camberwell, der deutschen Ansiedlung in London, Vorträge, die auch Theodor Fontane besuchte. Im Auftrag der Preußischen Regierung berichtete er über politische Tätigkeiten deutscher Emigranten. 

Trotz des etwas ruhigeren Lebens war Johannas Schaffenskraft durch häufige Krankheiten inzwischen sehr eingeschränkt. Dennoch wagte sie etwas ganz Neues: jahrelang hatte sie Notizen und Aufzeichnungen über das Emigrantenleben gesammelt; nun schrieb sie einen Roman: Hans Ibeles in London, den sie wenige Tage vor ihrem Tod beendete und den Gottfried 1860 bei Cotta veröffentlichte. 

Am 15. November 1858 endete das Leben dieser vielseitig begabten Frau auf mysteriöse Weise: sie stürzte aus dem Fenster ihres Schlafzimmers. Unter großer Anteilnahme deutscher und englischer Freunde wurde sie auf dem neuen Friedhof in Woking außerhalb Londons beigesetzt. Auch in Deutschland berichtete man in zahlreichen Nachrufen über ihren Tod. Ferdinand Freiligrath legte ihr einen Lorbeerkranz aufs Grab und widmete ihr ein langes, ehrenvolles Gedicht. 

Zweite Ehe und letzte Lebensjahre in der Schweiz

Kinkel veröffentlichte dieses Gedicht und gründete Anfang 1859 die Wochenschrift Hermann. Hier äußerte er sich wieder politisch, trat verschiedenen Vereinen bei und irritierte damit seine Freunde. Vorübergehend kam es erneut zum Bruch mit Freiligrath, der eine klare politische Linie bei Kinkel vermisste. Kinkel geriet in Verdacht, Nationalliberaler zu sein, da er Bismarcks Politik der deutschen Einigungsbestrebungen zustimmte. Nach einem Jahr gab Kinkel die Redaktion der Zeitung wieder auf und blieb politisch indifferent. 

Im Sommer 1858 hatte Kinkel die Erzieherin Minna Werner aus Königsberg kennengelernt, die er am 31. März 1860 heiratete. Das erste Kind, Marie, starb schon nach wenigen Wochen und wurde in Johanna Kinkels Grab beigesetzt. Hier ruht auch Johanna jun., Gottfried und Johannas älteste Tochter, die am 30. Januar 1863 starb. Gottfried und Minna Kinkel hatten noch vier weitere Kinder: Conrad, Manfred, Erna und Gerda, die ebenfalls im Kindesalter starb. 

1864 gründete Kinkel den Deutschen Verein für Wissenschaft und Kunst. Seit 1860 bemühte er sich um eine Professur in Zürich. Er wurde darin von seinem Freund aus Maikäfertagen, Hermann Behn-Eschenburg, unterstützt. 1866 erhielt er den ersehnten Ruf an das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich. Nach 17 Jahren knüpfte er dort an, wo er 1848 als Kunsthistoriker aufgehört hatte.

1867 wurde auf Kinkels Initiative das Zürcher Kupferstichkabinett gegründet, das er bis zu seinem Tod leitete. Kinkel wurde nicht wie Freiligrath und andere Revolutionäre amnestiert, aber er durfte ab 1871 wieder nach Deutschland reisen. In den Semesterferien machte er Vortragsreisen, besuchte Österreich, Italien und Paris und schrieb Aufsätze und Rezensionen. 1878 unterstützte er aktiv die Kampagne gegen die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Schweiz. 

Am 13. November 1882 verstarb er nach kurzer Krankheit in Zürich und wurde auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt. Die unzähligen Nachrufe galten jedoch mehr dem Revolutionshelden als dem Wissenschaftler. 

1906 wurde in Bonn-Oberkassel, dem Geburtsort Gottfried Kinkels, sein Denkmal eingeweiht, das unterhalb seiner Büste ein Reliefporträt von Johanna Kinkel zeigt. Dasselbe Porträt befindet sich auf ihrem Grabstein in Woking. 

Autorin: Monica Klaus, Mai 2009 

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Bildnachweise

  • Stadtarchiv Bonn

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