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Bundesstadt Bonn

John le Carré

geb. 19. Oktober 1931 - gest. 12. Dezember 2020

Pseudonym für David J. Moore Cornwell 

„Bonn ist ein Dorf ... Es hat die Umgangsformen, die Phantasie und die Maße des Marktplatzes.“ Wenig schmeichelhaft charakterisiert er die Bundeshauptstadt in seinem Roman „Eine kleine Stadt in Deutschland“. Aus diesem Buch stammt der in Bonn gern zitierte Satz von der wenig attraktiven Alternative, dass es entweder regne oder die Schranken geschlossen seien: „Manchmal ist der Nebel ein bißchen kälter, ... , dann nennen wir das Winter. Manchmal ist er wärmer, das ist dann der Sommer. Sie wissen, was man von Bonn sagt: Entweder es regnet oder die Bahnschranken sind 'runter. Tatsächlich passiert natürlich beides gleichzeitig. Eine Insel, durch den Nebel von der Welt abgeschnitten, so sieht's hier aus. Es ist ein recht metaphysischer Flecken: die Träume haben die Realität völlig verdrängt ...“ lässt er einen Botschaftsangestellten zu Allan Turner, dem Agenten des Londoner Sicherheitsamtes sagen. - Das Bonner Klima, fast schon so etwas wie ein Topos in der Bonn-Literatur des 20.Jh. Offensichtlich kennt sich der Verfasser bekannter Spionageromane in Bonn aus, war er doch selbst Anfang der 60er Jahre hier akkreditiert. Von 1959 bis 1963 war er Zweiter Sekretär an der Britischen Botschaft in Bonn.

Vernichtendes Urteil in den 60er-Jahren

Die Handlung des Romans Bonn, die Britische Botschaft in den 60er Jahren ist streng auf den Bonner Raum beschränkt. Häufig wird der Petersberg erwähnt, der „Berg Chamberlains“, ein Kapitel ist „Königswinter“ betitelt. Neben dem Hauptschauplatz, der Britischen Botschaft, werden zahlreiche andere Stellen genannt, so etwa die Innenstadt, der Bahnhof, das Regierungsviertel, der Amerikanische Club, Plittersdorf und selbstverständlich immer wieder die Rheinkulisse; doch hat man nicht eigentlich den Eindruck einer genauen Schilderung. Bonn bleibt stets mulmig-graue Kulisse, unsympathisch, ja fast drohend, und von ebenso unsympathischen Deutschen bevölkert.

Bonn konnte offensichtlich le Carrés Sympathie nicht gewinnen. 

In den 70er-Jahren wirkt Bonn weltstädtischer

Auch der Spionageromen „Die Libelle“, rund 15 Jahre später geschrieben, spielt, wenn auch nur im 1. Kapitel in Bonn, genauer gesagt, in Bad Godesberg. Die Topographie ist die des Diplomatenviertels mit ihren Botschaften: Der schmucklose Backsteinbau der Norwegischen Botschaft oder das Ägyptische Konsultat, das italienische Restaurant auf der Cäcilienhöhe, das bunt Internationale assoziieren eine freundlichere Atmosphäre als noch in der Kleinen Stadt. Bonn wirkt auf den ausländischen Besucher nun offensichtlich weltstädtischer, nicht mehr so gespenstisch-grau wie in den 60er Jahren. 

Vita

16-jährig verlässt le Carré die englische Public School, heiratet mit 23 und lässt sich 13 Jahre später wieder scheiden. All das stilisiert der Schriftsteller als Fluchten - vor der „Bürde des Junggesellendaseins“ und umgekehrt; auch sein Ausscheiden aus dem Staatsdienst (le Carré war zwischen 1959-64, u.a. in Bonn und Hamburg, in diplomatischen Diensten) bezeichnet er als Flucht. Doch die Flucht aus dem Erwerbsleben ist eine produktive, ermöglichte sie ihm doch, seit dem großen Durchbruch mit dem Spionageroman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (The spy who came from the cold, 1963) das Dasein des freien Schriftstellers.

Heute lebt der Erfolgsautor in London und in einem großen alten Haus an der Küste Cornwalls. Nur einmal hat er das Genre gewechselt: In seinem Bildungsroman „The Naive and Sentimental Lover“ nimmt der Titel Bezug auf Schillers berühmten Aufsatz (dt. Der wachsame Träumer). 

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