Inhalt anspringen

Bundesstadt Bonn

Hans-Christian Andersen

„Reisen heißt leben“ - kein anderer Dichter des 19. Jahrhunderts konnte dies mit mehr Recht sagen wie der dänische Märchendichter. Nimmt man nur die Auslandsreisen zusammen, so belaufen sie sich auf rund neun Jahre. Im Mai 1843 hat ihn sein Weg nach Bonn geführt.

geb. 2. April 1805 Odense - gest. 4. August 1875 Kopenhagen

Vom 27. Oktober 2005 bis 08. Januar 2006 zeigte das Stadtmuseum Bonn die Sonderausstellung: „Das Leben ist das schönste Märchen, denn darin kommen wir selber vor“ - Die Andersen-Rezeption in Deutschland von den ersten illustrierten Ausgaben des 19. Jahrhunderts bis zu Andersens illustrierter Lebensgeschichte von Sabine Friedrichson (2005).

„Reisen heißt leben“ - kein anderer Dichter des 19. Jahrhunderts konnte dies mit mehr Recht sagen wie gerade der dänische Märchendichter. Nimmt man - die zahlreichen Aufenthalte bei dänischen Freunden nicht mitgerechnet - nur die Auslandsreisen zusammen, so belaufen sie sich auf rund neun Jahre. Im Mai 1843 hat ihn sein Weg auch nach Bonn geführt. 

Auf Reisen sammelte er Eindrücke - und Bekannte. Vor allen Dingen letzteres. Der aus einfachsten Verhältnissen stammende Dichter hatte ein unstillbares Bedürfnis, alle Geistesgrößen und Prominente seiner Zeit kennen zulernen und sich selbst feiern zu lassen.

Daher fuhr er auch so gerne nach Deutschland, wo er sich in der allgemeinen Wertschätzung, die man ihm entgegenbrachte, sonnte. Von den Landsleuten fühlte er sich oft zu wenig geschätzt, übrigens zu unrecht. Er kannte dort Gott und die Welt, war befreundet mit dem dänischen Königspaar, reiste von Herrenhof zu Herrenhof, von Schloss zu Schloss und hätte gut und gern jeden Tag bei irgendwelchen Freunden verbringen können - er war immer eingeladen und überall ein gern gesehener Gast. 

Gefreut hat sich auch der deutsche Dichter F. Freiligrath in St. Goar, als er den unangemeldeten Gast als den berühmten Dänen erkannte. Andersen war auf der Heimreise von Paris und fuhr den Rhein entlang, um noch einige Dichtergrößen „abzuhaken“ - er hatte Glück, statt der eingeplanten zwei wurden es sogar drei. An Freiligraths Gedichten gefiel Andersen das „Malende“, und er verspürte den Wunsch, „von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sprechen“. Im übrigen wusste er nur, dass er in einer Rheinstadt wohnte, aber nicht genau wo, so dass er in mehreren Orten nach ihm fragen musste. Das Treffen beschreibt Andersen in seiner Autobiographie Mit livs Eventyr (1855, dt. Das Märchen meines Lebens): In Sankt Goar zeigte man mir ein Haus, von dem man mir sagte, dass er dort wohne. Ich trat ein, er saß an seinem Arbeitstisch und schien ungehalten zu sein, dass er von einem Fremden gestört wurde. Ich sagte nicht meinen Namen, sagte nur, ich könne nicht an Sankt Goar vorbeifahren, ohne Freiligrath begrüßt zu haben. „Es ist sehr freundlich von Ihnen!“ sagte er in etwas kaltem Ton, fragte, wer ich sei, und als ich antwortete: „Wir hatten beide ein und denselben Freund, Chamisso!“ sprang er jubelnd in die Luft: „Andersen!“, rief er, „sind Sie es!“ und er flog mir um den Hals, seine ehrlichen Augen glänzten. „Jetzt bleiben Sie einige Tage bei uns“, sagte er; ich erzählte, dass ich nur zwei Stunden bliebe, da ich mit Landsleuten zusammen sei, die weiterführen ...

Freiligrath stellt ihm seine Frau vor und erzählt Andersen, dass er nicht unschuldig an dieser Eheschließung wäre, seien sie sich doch über seinem Roman „Nur ein Spielmann“ (dän. Kun en Spillemand, 1837) brieflich näher gekommen. 

Direkt am nächsten Tag ging es weiter nach Bonn. Der 19. Mai 1843 zeigte sich mit Regen und Schneematsch wenig frühlingshaft. Ab Rolandseck und Siebengebirge wird es etwas besser. Andersen nimmt Quartier im „Stern“ und steuert direkt auf das Ernst-Moritz-Arndt-Haus zu, um dort den alten Dichter des „schönen und kräftigen Lieds“ „Was ist des Deutschen Vaterland“ zu besuchen. Andersen erzählt, wie ihn der kräftige, jugendlich wirkende Arndt auf schwedisch anspricht (Arndt hatte einige Jahre in Schweden verbracht) und ihn als einen „wahren Dichter“ bezeichnet. Arndts offensichtliche Sympathie führt Andersen vor allem auf seine skandinavische Herkunft zurück. Überraschend trifft ein weiterer Dichtergast ein: Emanuel Geibel, der eben dahin wollte, woher Andersen gerade kam - zu Freiligrath. Man hatte aber den gemeldeten Namen nicht recht verstanden, und Geibel, der Arndt noch aus seiner Bonner Studienzeit kannte, hatte sich, als er den Besucher sah, der eben hinausgeleitet wurde, bescheiden neben die Tür gesetzt. Andersen bemerkte einen jungen, hübschen Mann mit sonnengebräuntem, kühnen Gesicht: „... und erst als ... der Mann sich erhob, rief der Alte erfreut aus: 'Emanuel Geibel!' - ja, er war es, der junge Dichter aus Lübeck, dessen frische, schöne Lieder innerhalb kurzer Zeit durch alle deutschen Lande erklangen ... Jetzt kam ich nicht so schnell weg, die neue Dichterbekanntschaft wurde geschlossen. Geibel war so hübsch, so kraftvoll und frisch: wie er da so stand, neben dem kerngesunden Dichtergreis, erschienen mir die beiden als die junge und die alte gleich frische Poesie. Es wurde Rheinwein aus dem Keller geholt, der grüne Waldmeister schwamm darin, es war der 'Maitrank' ...“

Zum Schluss gab Arndt dem dänischen Gast noch ein recht markiges, patriotisches Mailied mit auf den Weg, das er mit den Zeilen unterschrieb: „Mit diesem meinem letzten Vers grabe ich einem frommen, kindlichen, nordischen Mann meine Erinnerung ein. Bonn, den 19. Mai 1843 E.M. Arndt aus Rügen.“

Als Andersen in Bonn weilte, war er schon einer der gefeiertsten Dichter Europas. Hierzulande wenig bekannt ist, dass er neben den Märchen und autobiographischen Schriften auch zahlreiche Dramen, Romane, Erzählungen, Gedichte und Reiseberichte geschrieben hat. Immer wieder sah Andersen seinen Lebensweg, der ihn aus kleinsten Verhältnissen zu höchstem dichterischen Ruhm geführt hatte, als Märchen an - nicht umsonst hatte er zwei seiner Erinnerungsbücher so betitelt (Mein eigenes Märchen ohne Dichtung, 1847, und Das Märchen meines Lebens, 1855; das früheste, Das Lebensbuch, 1832 geschrieben, erschien erst 1926). Schon als Kind hatte er versucht, den engen Grenzen seiner Herkunft zu entfliehen, zuerst durch die Phantasie, dann durch das unbedingte Vertrauen, dass etwas aus ihm werden würde. Ursprünglich wollte er Schauspieler werden. Unbekümmert wie Hans im Glück machte er sich mit 14 Jahren auf den Weg nach Kopenhagen, um bei keinem geringeren vorzusprechen als dem Chef des Königlichen Theaters. Er rannte den Kopenhagener Kulturgrößen die Türe ein, stellte sich vor, deklamierte, sang, tanzte. Das "child of fortune", wie ihn einmal ein englischer Schriftsteller genannt hatte, schaffte es irgendwie, einflussreiche Leute für sich zu interessieren. Er erhielt Gesangs- und Schauspielunterricht, und mit siebzehn steckte man ihn ins Gymnasium, wo er die fehlende Bildung nachholen sollte. Einer seiner wichtigsten Förderer und lebenslangen Freunde war der Theaterdirektor Jonas Collins. 

In den dreißiger Jahren verlegte sich Andersen aufs Schreiben. Er versuchte es zunächst mit Dramen - die zwar aufgeführt wurden, aber nicht unbedingt seine Stärke waren (Der Operntext "Die Braut von Lammermoor", "Der Rabe", beide 1832; "Das Fest auf Kenilworth", 1836, "Der Mulatte", 1840 u.a.). Das Lustspiel "Die neue Wochenstube", 1845, war sein erster Bühnenerfolg, auch die Oper "Klein Kirsten", vertont von J.P.E. Hartmann, wurde populär. Doch irgendwann ging ihm auf, dass er sich nicht zum Tragödiendichter eignete und belieferte dann das volkstümliche Theater "Casino" mit Stücken. Seine ersten Ruhmeslorbeeren errang er mit dem autobiographisch gefärbten Bildungsroman Improvisator (1835; dt. Jugendleben und Träume eines italienischen Dichters). 

Das im übrigen durchweg biographisch motivierte Romanwerk machte Andersen zu einem der Mitbegründer des realistischen Romans in Dänemark. Seine Lyrik wurde teilweise von Chamisso ins Deutsche übertragen. Aber erst die Märchen, mit denen er seine kleinen und großen Leser bis heute durch eine höchst poetische und doch eingängliche Sprache verzaubert, begründeten Andersens weltliterarische Bedeutung. Mit ihnen fand er die ihm gemäße literarische Ausdrucksform, der er, ohne die anderen Gattungen ganz aufzugeben, bis ins letzte Lebensjahr treu blieb. Ab 1835 ließ er sie in Einzelheften erscheinen und entwickelte in ihnen die Form des romantischen Kunstmärchens weiter. Märchenhaftes, Didaktisches, Sentimentales und Humoristisches gehen darin eine unvergleichliche Mischung ein, die den großen Dichter verrät. In welchem Genre auch immer - Andersens Schreiben zielt darauf, die Welt zu poetisieren, auch noch in seinen Selbstbiographien. 

Andersens Leben spielte sich ab zwischen Reisen, Schreiben und Besuchen. Er kennt fast alle Dichtergrößen seiner Zeit, ist Gast am schwedischen Königshof, liest dem preußischen König unterm Tannenbaum "Das hässliche Entlein vor" und ähnliches dem bayrischen König Max, während er mit ihm auf dem Starnberger See herumkurvt, und so weiter und so weiter - und alle lieben ihn. So, wie wir noch heute seine Märchen. 

Merken & teilen

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Stadtmuseum Bonn

Wir verwenden auf der bonn.de ausschließlich technisch notwendige Cookies sowie zur statistischen Auswertung anonymisiert das Webanalysetool Matomo. Weitere Informationen und Hinweise zur Anpassung der Datenschutzeinstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung. Mehr erfahren ...