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Bundesstadt Bonn

Johann Wolfgang von Goethe

geb. 28. August 1749 - gest. 22. März 1832

Goethe war dreimal in Bonn: einmal nur als Zaungast, einmal wider Willen und einmal der Kunst halber.

Bei seiner ersten Begegnung, die er verschlief, war er gerade 24 und mit dem bekannten Physiognomieforscher Lavater und dem Pädagogen Basedow auf einer Rheinfahrt - „Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten“ gelangte man Mitte Juli 1774 in Bonn an. Als das Schiff anlegte, schlummerte der angehende Dichter mit Mantel und Hut bedeckt und einem halb verwelkten Sträußchen am Herzen unter einem Segeltuch. Als ihm die Reisegefährten die „herrliche Stadt“ zeigen wollte und das Tuch lüfteten, warf er nur einen müden Blick auf das Ufer und sagte „Mach doch wieder zu!“ Dies also der erste Goethesche Kommentar zu Bonn - laut Dichtung und Wahrheit. 

Eine Rheinreise mit Hindernissen

Die zweite Begegnung war weit abenteuerlicher und quasi wider Willen. 1792 hatte Goethe seinen fürstlichen Freund, den Weimarer Herzog Carl August auf dem Feldzug zur Errettung des französischen Throns begleitet. Glücklich, dem Kriegstreiben entronnen und wieder am Rhein zu sein, wollte er von Koblenz aus die Brüder Jacobi in Düsseldorf besuchen. Er mietete einen Kahn und begab sich mit seinem Diener und einem Fährmann auf die Fahrt. Man schrieb den 30. Oktober 1792. Unterwegs kam ein fremder Ruderer dazu, der alsbald mit dem Schiffer in Streit geriet, wobei dieser ins Wasser fiel und nur mit Mühe wieder herausgezogen werden konnte.

Goethe beschreibt diese abenteuerliche Episode viele Jahre später ausführlich in seiner Kampagne gegen Frankreich: „Nun konnte er bei heller, klarer Nacht nicht mehr aushalten und bat dringend um Erlaubnis, bei Bonn anfahren zu dürfen, um sich zu trocknen und zu erwärmen. Mein Diener ging mit ihm in eine Schifferkneipe. Ich aber beharrte unter freiem Himmel zu bleiben und ließ mir ein Lager auf Mantelsack und Portefeuille bereiten. So groß ist die Macht der Gewohnheit, dass mir, der ich die letzten sechs Wochen fast immer unter freiem Himmel zugebracht hatte, vor Dach und Zimmer graute. Dieses Mal aber entstand für mich daraus neues Unheil ... Den Kahn hatte man zwar so viel als möglich auf den Strand gezogen, aber nicht so weit, dass er nicht durch ein Leck hätte Wasser einnehmen können. Nach einem tiefen Schlafe fand ich mich mehr als erfrischt, denn das Wasser war bis zu meinem Lager gedrungen und hatte mich und meine Habseligkeiten durchnässt. Ich war daher genötigt, aufzustehen, das Wirtshaus aufzusuchen und mich in Tabak schmauchender, Glühwein schlürfender Gesellschaft so gut wie möglich zu trocknen. Worüber der Morgen so ziemlich herankam und eine verspätete Reise durch frisches Rudern eifrig bescheunigt wurde.“ Der heitere Ton, den der 77-Jährige bei dieser Erzählung anschlägt, zeigt, dass ihm das unfreiwillige Bonner Abenteuer nichtsdestotrotz eine amüsante Erinnerung war. 

Beeindruckender Besuch beim Bonner Sammler Kanonikus Franz Pick

Die dritte und letzte Berührung mit Bonn war nun der erste eigentlich Besuch. Diesmal mit wachem Sinn und mit ernsthaftem Vorhaben, traf der 66-jährige Goethe in Begleitung des Freiherrn von Stein am 27. Juli 1815 in bester Laune in Bonn ein, für das nur zwei Tage zur Verfügung standen. Im Auftrag der preußischen Regierung sollte er eine Denkschrift über „Kunst und Altertümer“ in der neu gegründeten Rheinprovinz verfassen.

Die ehemalige Residenzstadt war 20 Jahre unter französischer Herrschaft gewesen und recht heruntergekommen. Zwei Tage zuvor waren die beiden Exzellenzen nach Köln gefahren und hatten Wallraf und den Maler Maximilian Fuchs besucht. Zusammen mit E. M. Arndt und von Stein besichtigt Goethe den Dom. Auch in Bonn ging es zuerst in die Kirchen und die „Ara Ubiorum“ am heutigen Römerplatz. Diesen Altar der Göttin Victoria hatten die Bonner als Denkmal für Napoleon errichten lassen (müssen).

Hauptanliegen des Bonn-Abstechers aber war der Besuch bei Kanonikus Franz Pick - dem bedeutendsten Kunstfreund und -sammler der Stadt. Seine umfangreiche Kollektion enthielt Kunstgegenstände aller Art. Zwei weitere Attraktionen waren die eigens im Haus errichtete Kapelle mit alten Glasfenstern und liturgischem Gerät, vor allem aber die Terrasse, die Spolien, Relieftafeln und dergleichen mehr in reizvoller Anordnung zierten. „Hier sieht man unter freiem Himmel verschiedene architektonische Teile und Glieder, Säulen und Gesteinstrümmer sowie manche Zierratreste zu Ruinen gruppiert, Inschriften zierlich eingemauert, halberhobene Arbeiten wohl verteilt, große Gefäße als Denkmale aufgestellt [...] Bonn als Residenz und diesen Schatz unverrückt als Kunstkammer [gedacht] ... so besitzt der Hof eine Sammlung so allgemein unterhaltend und reizend, als nur zu wünschen ist.“ Goethe war beeindruckt - sowohl von den Kunstschätzen, als auch vom Sammler selbst: Dass Picks Sammlung auch Bilder von Dürer, Cranach und Roger van der Weyden enthielt, wissen wir vom Romantiker Schlegel, nicht aber vom Klassiker Goethe, der sich als solcher weit mehr für antike Altertümer erwärmte. Goethe setzte sich weiterhin für die Sammlung ein, bewegt sogar seinen Herzog zu einem Besuch bei dem Kanonikus, doch da sich das preußische Königshaus nicht für die Kunstkammer interessierte, wird sie nach Picks Tod versteigert. Einige ausgewählte Objekte werden auf Initiative Goethes für die Weimarer Kunstsammlung erworben. 

Unter dem Eindruck seines Besuchs schlägt Goethe für Bonn die Errichtung eines Museums und eines Lehrstuhls für schöne Künste vor. Als Bonn Universitätsstadt wird, unterhält er regen Kontakt mit den Professoren der ersten Stunde - er korrespondiert mit dem Kunsthistoriker d'Alton, mit dem Graecisten Welcker, mit Windischmann, dem Philosophen Näke und den Naturforschern Nees von Esenbeck, Nöggerath und Nasse.

Sybille Mertens-Schaffhausen, die ihr gastliches Haus in der Wilhelmstraße museumsmäßig bestückt hatte, sandte dem naturwissenschaftlich interessierten Goethe nebst anderen „Merkwürdigkeiten“ aus Bonn Gesteinsproben vom Siebengebirge, das damals durch Fürsprache der Bonner Naturforscher vor der Ausbeutung als Steinbruch bewahrt werden konnte.

Trotz dieses ausgedehnten Schriftwechsels mit der Bonner Professorenschaft sind heute in der Universitätsbibiliothek nur drei Goethe-Autographen erhalten: Es sind dies drei Gedichte aus dem West-Östlichen Diwan, die im freundschaftlichen Austausch mit Sulpiz Boisserée entstanden sind, der mit seinem Bruder ein schönes Haus in der Poppelsdorfer Allee bewohnte: Hatem, Abglanz und Bedenkliches. 

So sind die „Bonnensia“ nur kleine, wenn auch hübsche Episoden in einem unendlichen reichen Dichterleben, das den Bogen von der Frankfurter Kindheit und Jugend bis zur Weimarer Glanzzeit spannt. 

Autorin: Ingeborg Dorchenas, 1998

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Bildnachweise

  • Stadtmuseum Bonn

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